Der teils katastrophale, massive Rückgang vieler heimischer Insektenarten ist mit eines der drängendsten Probleme unserer Zeit. Vor allem ohne Wildbienen & Co. würden die wichtigsten Bestäuberorganismen fehlen und dies hätte erheblichen Einfluss auf unser Nahrungsangebot. Und nicht ohne Grund nennt man die Krabbeltiere Nützlinge. Jedes noch so kleine Insekt hat seinen wichtigen Wert zur nachhaltigen Sicherung der auch für uns Menschen wichtigen Ökosystemleistungen: Nützlinge fressen andere Insekten, die den Pflanzen in ihrem Wachstum schaden, erhalten durch Bestäubung die genetische Vielfalt von Pflanzenoder tragen zur Krankheitsvorbeugung von Pflanzen bei. Sie haben somit einen großen Anteil an einem funktionierenden Ökosystem, ohne das unser Leben in bekannter Form nicht möglich wäre. Dabei ist zu bedenken, dass eine Einstufung in nützliche und schädliche Tiere (Organismen) eine Verkürzung aus anthropozentrischer Sicht ist, der gerade unter gärtnerischen Aspekten oft, aber auch nicht immer einen Sinn macht. Selbst auf den ersten Blick für uns Menschen schädliche Tiere haben einen wichtigen ökologischen Stellenwert. Problematisch sind vor allem Massenvermehrungen, die aber immer auch auf ein Hinweis auf gestörte Lebensbedingungen sind.

Und auch toom fühlt sich verantwortlich sein Angebot möglichst insektenfreundlich zu gestalten und den Kundinnen und Kunden näherzubringen, warum man beim Kauf auf Insektenschutz achten sollte. Dafür macht toom entsprechende alternative Angebote und arbeitet kontinuierlich daran sein Sortiment insektenfreundlicher zu gestalten, auch z.B. durch den Verzicht auf besonders insektenschädliche Substanzen in unserem Sortiment und den Lieferketten unserer Pflanzen.


Kooperation mit Global 2000

Seit November letzten Jahres kooperiert toom mit der Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000. Im Fokus der Kooperation steht die Senkung der Pflanzenschutzmittelbelastung bei sogenannten Nützlingsfreunden. Hierbei handelt es sich um Pflanzen, die besonders gut für den Insektenschutz geeignet sind, indem sie gezielt Nahrung für Insekten wie Schmetterlinge, Wildbienen, Hummeln aber auch für die als Nutztiere zählenden Honigbienen bieten. Anhand des von GLOBAL 2000 entwickelten Ökotox Indizes können Pflanzenschutzmittel bewertet und bei toom für eine Zulassung oder Auslistung zukünftig noch besser überprüft und eingeordnet werden. Die unternehmensinterne Negativliste wird dementsprechend geprüft und gegebenenfalls erweitert. Dieses System wird dann schrittweise auch auf alle anderen Pflanzensortimente ausgeweitet.


Nützlingsfreunde bei toom

Zur Prüfung des Sortiments arbeitet toom mit einem Entomologen, einem Experten für Insekten zusammen, der einen Schwerpunkt auf die Betrachtung der besonders relevanten Wildbienen- und Wespenarten setzt. Rolf Witt prüft alle Pflanzen auf Arten- und Sortenebene. Soweit entsprechende Daten vorliegen gibt er eine Empfehlung ab, ob und wenn ja für welche der oben genannten Insektengruppen die Pflanze geeignet ist. Denn ab 2021 führen wir ausschließlich Pflanzen in unserem neuen ‚Nützlingsfreundlich‘-Konzept.

Auch in diesem Bereich ist toom erneut der erste Baumarkt, der sein insektenfreundliches Sortiment extern überprüfen und ausschließlich nachweislich geeignete Pflanzen als nützlingsfreundlich verkauft. Auch in Zukunft möchte toom sein Sortiment weiter ausbauen, um einen aktiven Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt zu leisten.

Wir haben mit Dipl.-Biol. Rolf Witt zu diesem Thema gesprochen. Er ist freiberuflicher Biologe, Entomologe und Spezialist für Stechimmen (Bienen, Wespen).

Herr Witt, die (Honig)Biene ist zum Symbol geworden für Umwelt-und Naturschutz. Wird das dem Thema überhaupt gerecht?

Die Frage ist fachlich eindeutig mit „Nein“ zu beantworten. Die Imkerschaft hat mich ihrer öffentlichen Reichweite und der breiten Diskussion über die negativen Folgen von Pestiziden, Umweltstress u.a. auf Honigbienen mit Sicherheit einen großen Anteil daran, dass der massive Rückgang vieler Insektenarten in die öffentliche Diskussion angekommen ist. Damit einher geht auch wieder eine höhere Wertschätzung von Blütenpflanzen und Vielfalt in unserer Landschaft. Allerdings haben Fördermaßnahmen für Honigbienen kaum eine Bedeutung/Relevanz für den Schutz der wildlebenden, heimischen Insekten wie den blütenbesuchenden Wildbienen.

Durch zu starke Honigbienendichtenkann es sogar zu Konkurrenzscheinungen kommen, die sich negativ auf Wildbienen auswirken können. Bevor von Konkurrenzfolgen gesprochen wird, sollte aber immer eine Analyse des Einzelfalles erfolgen. In solchen Fällen habe ich die Zusammenarbeit mit den Bieneninstituten immer als sehr sachlich und kooperativ empfunden. Übrigens kann auch von gezüchtet Bestäubungshummelvölkern ein nicht zu unterschätzendes Gefährdungspotential für Wildbeständes ausgehen.

Ich bezeichne die Honigbiene immer gerne als „Kuh“ unter den Insekten. Sie gilt offiziell nicht als Wildtier sondern als domestiziertes Haus- bzw. Nutztier. Somit ist für die Honigbiene auch das Landwirtschaftsministerium und nicht das Umweltministerium (Arten- und Naturschutz) zuständig.

Bei Artenschutzmaßnahmen sollte die Priorität immer auf naturschutzrelevante Wildbienen gelegt werden.

Wenn reine Honigbienenförderprogramme (z. B. einjährige Blühstreifen mit einem hohen Anteil nicht-heimische Arten und/oder Kulturpflanzen) als Artenschutzmaßnahmen verkauft werden, halte ich das für Greenwashing. Es ist dabei schon legitim Honigbienen zu fördern, aber dann muss das auch entsprechend ehrlich kommuniziert werden.

Zu den Nützlingen gehören ja auch „unbeliebtere“ Tiere, die leider oftmals einen schlechten Ruf haben, wie Wespen, Spinnen etc. Was für Tipps haben Sie, damit ich zuhause Nützlingen nicht schade, aber dennoch nicht überrannt werde von den Tieren?

Als Ökologe benutze ich den Begriff „Nützling“ oder „unbeliebt“ erstmal nicht. Ich möchte wildlebende Arten nicht in gut und böse einteilen. Diese Betrachtungweise teilen natürlich nicht alle Mitbürger und so möchte ich die Frage schon aus pragmatischer Sicht gerne beantworten

Wer sich ein wenig mit diesen unbeliebten Tieren beschäftigt, wird merken, dass der schlechte Ruf einiger Insekten vielfach auf Vorurteilen und ungerechtfertigten Ängsten oder gar Phobien basiert.Ich habe immer wieder feststellen können, dass Kinder unglaublich fasziniert von den Verhaltens- und Lebensweisen der Insekten und Spinnen sind, wenn diese genauer beobachtet werden. Kinder gehen erstmal neutral mit diesen Tieren um. Es sind dann Erwachsene, die Ängste weitergeben – dabei könnten sie hier mal etwas von Kindern lernen.

Von den mehreren tausend in Deutschland vorkommenden Wespenarten können nur extrem wenig Arten der sozialen Faltenwespen (die 9 Arten der Echten Wespen) durch ihren Stich für Menschen im Ausnahmefall gefährlich werden. Davon treten aber nur zwei Arten in größerer Anzahl auf und können lästig werden. Zur Relativierung der Gefahren durch soziale Faltenwespen, sei nochmal die Honigbiene als Vergleich herangezogen. Durch Honigbienenstiche kommt es wahrscheinlich zu mehr Todesfällen als durch Wespen. Aufgrund der wirtschaftlichen Bedeutung der Honigbienen würde aber niemand ernsthaft Honigbienenvölker deswegen abtöten wollen. In Mitteleuropa haben wir sowieso bezüglich der Gefährlichkeit von Wildtieren eigentlich keine Problem. Glücklicherweise kann man mit einer bedachten Verhaltenweise der potentiellen Stichgefahr bei diesen Arten gut aus dem Weg gehen.

Vor Spinnen braucht in Deutschland niemand Angst zu haben – es gibt hier erfreulicherweise keine gefährlichen Arten.

Mein Tipp wäre im Außen- und Gartenbereich den Tieren mit deutlich mehr Toleranz und Verständnis zu begegnen. Einfach mal die Tiere genau beobachten und sich von der Biologie oder dem oft skurilen Aussehen faszinieren lassen. Gärten sind ein Teil der Natur, zu denen auch Tier und Pflanzen gehören, die alle ihren Beitrag zum ökologischen Gleichgewicht leisten. Das ist auch ein nicht immer auf den ersten Blick erkennbarer Nutzen für uns Menschen. Es kann nicht der Anspruch sein, Gärten hygienisch sauber zu halten. Das man den engeren Wohnungsbereich möglichst frei von giftigen Tieren oder wirklichen Schädlingen halten möchte, ist dagegen eigentlich selbstverständlich.

Der (Stadt-)Mensch sollte wieder ein natürlicheres Verhältnis zu seiner belebten Umwelt entwickeln, dann fühlt er sich von diesen Tieren auch nicht „überrannt“.

Lieber Herr Witt, vielen Dank.